Literarischer Obsortengarten


APFEL - KANTATE

Der Apfel ist nicht gleich am Baum.

Da war erst lauter Blüte.

Da war erst lauter Blütenschaum.

Da war erst lauter Frühlingstraum

und lauter Lieb und Güte.

 

Dann waren Blätter, grün an grün,

und grün an grün nur Blätter.

Die Amsel nach des Tages Müh'n,

sie sang ihr Abendlied gar kühn.

Und auch bei Regenwetter.

 

Der Herbst, der macht die Blätter steif.

Der Sommer muß sich packen.

Hei, daß ich auf dem Finger pfeif:

Da sind die ersten Äpfel reif

und haben rote Backen.

 

Und haben Backen rund und rot.

Und hängen da und nicken.

Und sind das lichte Himmelsbrot.

Wir haben unsere liebe Not,

daß wir sie alle pflücken.

Und was bei Sonn' und Himmel war,

erquickt nun Mund und Magen

und macht die Augen hell und klar.

 

So rundet sich das Apfeljahr.

Und mehr ist nicht zu sagen.

 

Hermann Claudius (1878-1980)



DER KIRSCHBAUM

Der Kirschbaum blüht, ich sitze da im Stillen,

Die Blüte sinkt und mag die Lippen füllen,

Auch sinkt der Mond schon in der Erde Schoß.

 

Und schien so munter, schien so rot und groß;

Die Sterne blinken zweifelhaft im Blauen

Und leiden's nicht, sie weiter anzuschauen.

 

Achim von Arnim (1781-1831)



HERR VON RIBBECK AUF RIBBECK IM HAVELLAND

 

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,

Ein Birnbaum in seinem Garten stand,

Und kam die goldene Herbsteszeit

Und die Birnen leuchteten weit und breit,

Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,

Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,

Und kam in Pantinen ein Junge daher,

So rief er: »Junge, wiste 'ne Beer?«

Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,

Kumm man röwer, ickhebb 'ne Birn.«

 

So ging es viel Jahre, bis lobesam

Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.

Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,

Wieder lachten die Birnen weit und breit,

Da sagte von Ribbeck: »Ich scheide nun ab.

Legt mir eine Birne mit ins Grab.«

Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,

Trugen von Ribbeck sie hinaus,

Alle Bauern und Büdner, mit Feiergesicht,

Sangen »Jesus meine Zuversicht«,

Und die Kinder klagten, das Herze schwer,

»He isdod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?«

 

So klagten die Kinder. Das war nicht recht,

Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht,

Der neue freilich, der knausert und spart,

Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt,

Aber der alte, vorahnend schon

Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,

Der wußte genau, was damals er tat,

Als um eine Birn ins Grab er bat,

Und im dritten Jahr, aus dem stillen Haus,

Ein Birnbaumsprößlingsproßt heraus.

 

Und die Jahre gehen wohl auf und ab,

Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,

Und in der goldenen Herbsteszeit

Leuchtet's wieder weit und breit.

Und kommt ein Jung übern Kirchhof her,

So flüstert's im Baume: »Wiste 'ne Beer?«

Und kommt ein Mädel, so flüstert's: »Lütt Dirn,

Kumm man röwer, ickgew di 'ne Birn.«

 

So spendet Segen noch immer die Hand

Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

 

Theodor Fontane (1819 – 1898)